Schüleraustausch Polen 2012

Ernüchterung macht sich breit, die normalerweise aufkommende Vorfreude auf zu Hause blieb aus. Der Ethikkurs Klasse 11 vom Bismarck-Gymnasium, in Begleitung der Ethiklehrerin Frau Wienmeister und der Geschichtslehrerin Frau Mosig, befindet sich im Bus, zurück aus Polen. Das was den Schülern bleibt, sind Erinnerungen und vielleicht lang anhaltende Freundschaften. Noch am Dienstag nach den Pfingstferien war Aufregung und Ungewissheit in den Gemütern der Reisenden. Im Bus auf der Hinreise erzählte eine Schülerin: „Eine Idee, was auf mich zukommt, habe ich nicht. Ich möchte einfach ohne die gängigen Vorurteile dort ankommen und diese Woche genießen.“ Ein Zwischenstopp wurde in Radlin, einer kleinen Bergarbeiterstadt in Oberschlesien, gemacht. Dort befindet sich die Partnerschule des Genthiner Gymnasiums, eine Berufsschule zur Ausbildung von Bergarbeitern, die sich mit dem dortigen Gymnasium zusammen schließt, damit auch polnische Schülerinnen bei diesem Austausch vertreten sind. Eine kurze Besichtigung der Schule zeigte den noch leicht skeptischen deutschen Jugendlichen, dass diese grade in der technischen Ausstattung ähnlich, wenn nicht sogar besser ist. Die Unterkunft im Krakauer Außenbezirk Wieliczka war ein praktisches und ordentliches Hotel. Noch am Ankunftsabend gaben sich die Lehrer Mühe, das Eis zwischen beiden Gruppen zu brechen. Auf einen Begrüßungstanz folgte eine lange musikalische Nacht, in der die über 40 deutschen und polnischen Schüler sich gegenseitig ihre Lieblingslieder vorstellten und gemeinsam tanzten. Schon am ersten Tag hatten die Schüler eine dreistündige Stadtbesichtigung Krakaus auf dem Programm. Vom Grunwalddenkmal bis zum Wawel erklärte eine engagierte, witzige Reiseführerin alles, was man wissen muss. Die Krakauer Altstadt ist noch mit den Schutzmauern aus mittelalterlicher Zeit umgeben. Man kann diese nur an vier Stellen durchqueren. Die Schüler nahmen das Florianstor, auch Nordtor genannt, und spazierten bis auf den Marktplatz mit seinen Tuchhallen, dem Rathausturm und der berühmten Marienkirche. Diese allein, mit einem Altar an dem der Nürnberger Veit Stoß seiner Zeit 12 Jahre arbeitete, ist schon ein Grund die Stadt zu besuchen. Weiter ging die Route zur Jagellonen Universität, dem Franziskaner- und Dominikanerkloster und abschließend eine seichte Anhöhe zum Wawel hinauf. Dies ist eine Bezeichnung für den wichtigsten Platz für die polnische Bevölkerung, an dem sich der ehemalige Königsitz und die Wawelkathedrale befinden. In diesen heiligen Hallen wurden polnische Volkshelden aus allen Zeiten beerdigt und nun auch der vor zwei Jahren bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommene Präsident Polens, Lech Kaczynski. Diese Beisetzung löste jedoch aus verschiedenen Gründen Proteste in der Bevölkerung aus. Es schloss sich eine Erkundung auf eigene Faust an und somit die erste Gelegenheit zum Einkaufen. Den Ausklang des ersten Abends haben sich die Lehrer sportlich vorgestellt, so ging die gesamte Truppe in ein nahe gelegenes Bowlingcenter, wo die Jugendlichen weiter fleißig Kontakte knüpften. „Die ersten Worte sind gewechselt und auch einige der schwierigen Namen kann ich schon. Ich hoffe, wir haben noch viele Gelegenheiten uns zu unterhalten und besser kennen zu lernen.“, äußert sich ein Schüler erfreut während eines Billiardspiels. Erneut führte die Leiterin des Vortages die Gruppe. Dieses Mal ins jüdische Viertel, welches sich im Stadtteil Kazimierz befindet. Ehemals wurde dieser als eigenständige Stadt vom König Kasimir auf dem gegenüberliegenden Weichselufer erbaut. Damals lag sie noch auf einer von zwei Flussarmen eingeschlossenen Insel. In einer Ausstellung in der “Alten Synagoge“ wurde das Wissen der Schüler über das Judentum wieder aufgefrischt, um allen weiteren Erklärungen folgen zu können. Weiterhin wurde eine aktiven Synagoge und deren Friedhof besucht. Jüdische Gräber werden niemals abgerissen, da an ein Leben nach dem Tod geglaubt wird. Auch koscher Essen stand auf der Programmliste und das ist eine wirklich interessante Erfahrung: „Die Gerichte sind uns Deutschen nicht unbedingt unbekannt, aber es wird viel mehr mit Honig und Gewürzen gearbeitet, habe ich den Eindruck. Und in diese leckeren Kuchen könnte ich mich rein setzen.“, schildert eine Jugendliche schmunzelnd nach dem Restaurantbesuch. Nun folgte die Besichtigung einiger Drehorte des Films “Schindlers Liste“. Darunter waren Plätze aus dem ehemaligen Ghetto und um Schindlers Fabrik. „Teilweise war es irgendwie unheimlich, Schauplätze des Filmes, an denen sich solche Gräueltaten abspielten, wieder zu erkennen.“, berichtete ein Schüler später. Erneut aktiv endend wurden der gesamten Gruppe jüdische und orientalische Tänze beigebracht, an denen sich der Großteil freudig beteiligte. Mehr oder weniger munter machte sich der Bus mit den deutschen Jugendlichen am nächsten Morgen auf die circa einstündige Fahrt zur Gedenkstätte Auschwitz. Schon im Bus war leicht gedrückte Stimmung. Es wurden schon mal Bildbände zur Vorbereitung rumgegeben. Der teilweise heftig strömende Regen passte zur Thematik, so durchquerten die Schüler mit Schirmen das Tor mit der Aufschrift “Arbeit macht frei“ und bekamen einen genauen aber auch furchtbareren Einblick in diesen Teil der Geschichte, als es jeder Film vermitteln könnte. „Im Geschichtsunterricht behandelt jeder das Thema, doch ich kann mir jetzt erst richtig das Leid, das unnötige Leid von Hunderttausenden vorstellen, denen hier die Würde und das Leben genommen wurde.“, stellte eine Schülerin fest, die noch ganz blass war. Weitere äußerten sich, dass es mit Sicherheit das emotionale Highlight der Reise war, welches zwar schwer und bedrückend aber eine Möglichkeit war, den Opfern und Hinterbliebenen eine letzte Ehre zu erweisen. In diesem Sinne wurde für den Abend auch nichts geplant, so dass die Schüler sich auch mit den neuen polnischen Freunden über diese gewonnen Eindrücke austauschen konnten. Der letzte Tag führte die bunte Gruppe zum vorerst letzten Mal in Krakaus Innenstadt. Dort wurde den jungen Leuten das mittelalterliche Treiben der Stadt in einem multimedialen Museum näher gebracht. Am Nachmittag schloss sich der Besuch einer großen Salzmine, welche in direkter Umgebung zu unserem Hotel lag, an und bildete einen gelungenen Abschluss. Die mit Salz bedeckten Holzwände und hohen Räume brachten abermals ein Staunen der Schüler hervor, doch sehr viel eindrucksvoller war die unterirdische Kirche, die Kapelle der heiligen Kunigunde. An diesem Abend hatten die Lehrer zu tun. Niemand wollte ins Bett, alle wollten den bevorstehenden Abschied hinaus zögern. So wurde noch bis zum nächsten Morgen getanzt und erzählt. Doch trotzdem fiel der Abschied in Radlin nicht leichter. In der Hoffnung über das Internet und eventuell folgende Besuche in Kontakt zu bleiben, sitzen die Schüler nun im Bus, der unaufhörlich Richtung Genthin rollt. 

Kerstin Mosig